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Archäologische Funde beim Neubauprojekt

Zeitreisen am Burgtor

Wo früher Dortmunds berühmtestes Pornokino stand – das Studio X –, ist eine tiefe Baugrube. Hier entsteht das „Quartier Burgtor“. Bei den Bauarbeiten hatte die Untere Denkmalbehörde archäologische Begleitung angeordnet. Das geschieht immer, wenn in der Nähe des alten Stadtkerns gebaut und gegraben wird. Wie wichtig das ist, zeigte sich auch hier: Die beauftragte Fachfirma EggensteinExca brachte bedeutende Funde aus dem Mittelalter ans Licht.

„Gerade im Norden der Stadt lagen uns bislang nur wenige Nachweise aus dem Mittelalter vor. Die neuen Funde erweitern unser Wissen erheblich“, sagt Stadtarchäologe Tobias Zacharias von der Unteren Denkmalbehörde. Die Ausgrabungen wurden mit 3D-Scans und fotografisch dokumentiert, die Fundstücke gesichert – in enger Zusammenarbeit zwischen Fachfirma, Grabungsleitung, Bauherrn und Behörde. Danach konnten die Bagger weiterbuddeln, um die ersten zwei Bauabschnitte zu realisieren.

Bild: Benito Barajas
Zwei Personen in gelben Warnwesten hocken in einer sehr großen Baugrube und zeigen Scherben und ein beinahe intaktes Gefäß.
In der Baugrube am Burgtor treffen Spuren der Vergangenheit auf die Projekte der Zukunft: Was die mittelalterlichen Scherben uns heute von Dortmunds Bedeutung als Handelsmetropole erzählen, wissen Marie Feldmann, Archäologin der Firma EggensteinExca, und Tobias Zacharias von der Unteren Denkmalbehörde. Und morgen? Entsteht hier ein ganz neues Stadtquartier.
Bild: Benito Barajas

An diesem prominenten Platz am Übergang von der City zur Nordstadt entsteht nach Plänen des Büros RKW Architektur + im Auftrag der LINIM-Gruppe ein markantes Gebäudeensemble mit roter Backsteinfassade: das „Quartier Burgtor“, eine geschlossene Blockrandbebauung mit 18-geschossigem Hochhaus an der Ecke Leopoldstraße/ Steinstraße. Der Komplex wird eine Mischnutzung aus Wohnen, Arbeiten und Nahversorgung beherbergen.

Auf mehr als 18.000 Quadratmetern entstehen Mietwohnungen – mit Weitblick in den oberen Geschossen –, außerdem Flächen für betreutes Wohnen, eine Tiefgarage und ein Lebensmittelgeschäft im Erdgeschoss. Mittendrin im ersten OG: ein begrünter Innenhof für die Bewohner*innen. Größter Mieter wird die neue Polizeiwache Nord sein, die rund 2.800 Quadratmeter Fläche bezieht. Ende Oktober wurde der Grundstein für den ersten Bauabschnitt feierlich gelegt.

Hochhaus markiert Stadteingang

Bild: RKW Architektur +
Visualisierung eines Hochhauses und kleinerer Gebäudeteile mit rötlicher Fassade.
Das Quartier Burgtor: So soll es aussehen.
Bild: RKW Architektur +

Der Bau an dieser Stelle entspricht dem „City-Konzept 2030“: Hochhäuser sollen die Einmündungen der auf den Wall treffenden Straßen akzentuieren. Als „Tore“ zur Stadt und Orientierungspunkte nehmen sie Bezug auf die historischen Tore der Stadtmauer.

Apropos Stadtmauer: Funde aus dem Mittelalter sind höchstwahrscheinlich, wann immer in Nähe des Wallrings tief gegraben wird. „Die Ergebnisse zeigen eindrucksvoll, dass auch in stark überprägten Bereichen noch bedeutende archäologische Befunde erhalten sein können“, so Zacharias.

Obwohl der Grund in den letzten Jahrhunderten viele Bauaktivitäten erlebte, fanden sich auch am Burgtor mittelalterliche Strukturen: ein bogenförmiger Graben und mehrere Gruben. Für besondere Aufmerksamkeit sorgten zwei gemauerte Schächte, einer aus Bruchstein und einer aus Ziegeln. Zunächst wurden sie als Brunnen interpretiert – doch es muss sich um etwas anderes handeln. Worum genau? Das ist bislang unklar.

Aufregende Scherben in der Tiefe

Bild: EggensteinExca / Jan Feldmann
Seitlicher Blick auf Überreste eines gemauerten Schachts in einer Baugrube
Mysteriös: der gemauerte Schacht in der Baugrube am Burgtor.
Bild: EggensteinExca / Jan Feldmann

Außerdem fanden sich: Scherben. Elektrisierende Funde aus Sicht der Archäologie und der Denkmalbehörde, denn die Keramiken stammen aus dem Rheinland, einer einflussreichen Töpferregion seit römischer Zeit. Die Reste der hochwertigen Gefäße an dieser Stelle zeigen zweierlei: Sie unterstreichen die große Bedeutung Dortmunds im Mittelalter als Reichs- und Hansestadt mit weiträumigen Handelsbeziehungen.

Und sie erlauben eine Datierung der Funde auf das 11. bis 14. Jahrhundert. Mit spannenden Schlussfolgerungen für die Siedlungsgeschichte des Dortmunder Nordens: Möglicherweise zeugen die Scherben von einer Besiedlung bereits vor dem Bau der Stadtbefestigung. „Wir wissen bislang noch nicht allzu viel über die frühe Phase der Stadtwerdung Dortmunds. Solche Funde sind ein wichtiger Baustein, um diese Entwicklung besser nachvollziehen zu können“, erklärt Stadtarchäologe Jan Rosbeck von der Unteren Denkmalbehörde.

Auch Sex schreibt Stadtgeschichte

Leopoldstraße 1a lautete die Adresse des alten Studio X. Dieser Standort im Norden der Innenstadt hatte auch zwischen Mittelalter und Gegenwart eine bewegte Geschichte. Im 19. Jahrhundert gab’s hier Tanz und Varieté in „Schlengermanns Konzertsaal“, 1889 wurde daraus das Apollo-Theater. Der Zweite Weltkrieg zerstörte das Gebäude.

An seiner Stelle entstand in den 1950er-Jahren ein Kino mit fast 1.000 Plätzen und der größten Leinwand Dortmunds – und in den 70er-Jahren das Studio X, über Jahrzehnte das berühmteste Pornokino der Stadt. Auch ein Kapitel Dortmunder Stadtgeschichte. Seit 2017 stand das Gebäude leer, im Sommer 2025 wurde es abgerissen.

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